{"id":536,"date":"2017-08-18T20:58:28","date_gmt":"2017-08-18T18:58:28","guid":{"rendered":"http:\/\/nordost.altesitte.info\/?p=536"},"modified":"2017-08-18T20:58:58","modified_gmt":"2017-08-18T18:58:58","slug":"seid-meine-skalden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/?p=536","title":{"rendered":"Seid meine Skalden"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Wertere Last<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">tr\u00e4gt auf dem Weg man nie<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">als starken Verstand:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">er frommt dir mehr<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">in der Fremde als Gold;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">er ist des Hilflosen Hort.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">~ H\u00e1vam\u00e1l ~<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Wertsetzung des Verstandes als edles Gut in fremden Gefilden, wie sie uns diese wundersch\u00f6ne Strophe darbietet, lehrt uns einen der wohl elementarsten Aspekte auf den verschlungenen Wegen im Leben mit den G\u00f6ttern. Starker Verstand; das kann Listigkeit und Verschlagenheit auf der einen Seite sein. Als viel trefflicher in diesem Kontext betrachten wir jedoch denjenigen Verstand, der sich seines Wissens und der erworbenen Weisheit zu bedienen wei\u00df. So wird die dargestellte Strophe beispielsweise auch bei Simrock \u00fcbersetzt (dort als Strophe 10 verortet). Die Wanderung an sich &#8211; oder nennen wir es &#8222;Fahrt&#8220; &#8211; und insbesondere das Agieren in der Fremde sind Eigenschaften, die den spirituellen Teil der \u00c1s\u00e1tru unmittelbar mit jenem unserer Ahnen zu verbinden vermag. Wir wollen uns Zeit nehmen, Wege dorthin begreifen zu suchen.<\/p>\n<p>\u201eSeid meine Skalden\u2026\u201c, das k\u00f6nnten die Worte eines K\u00f6nigs sein. Jemand der Intellekt und Inspiration sch\u00e4tzt, nach Wissen und Erkenntnis strebt und den Willen zur \u00dcberwindung besitzt. Ja, vielleicht sogar eine gewisse Widerborstigkeit in seinem Herzen tr\u00e4gt. Er ist jemand, der zum Kampf bereit ist, wobei Kampf in diesem Sinne nicht prim\u00e4r die k\u00f6rperliche Auseinandersetzung meint, sondern es auf einem geistigen Niveau versteht. Dies kann auch die F\u00e4higkeit in einem selbst sein, sich zu bestimmten Handlungen aufzuraffen bzw. zu motivieren. Dazu geh\u00f6rt beispielsweise das Nichtabfindenwollen mit einer Situation, die ungefragt \u00fcber einen kommt. Und nach dieser Geisteshaltung sucht er. Nennen wir ihn an dieser Stelle der Einfachheit halber zun\u00e4chst \u201eFj\u00f6lnir\u201c, der viel Wissende.<\/p>\n<p>Der F\u00e4den Lauf ist nicht vollends vorherbestimmt. Zwar verl\u00e4uft das Werden des Schicksals in Bahnen, so dass sich h\u00e4ufig \u00a0eine unausweichliche Notwendigkeit ergibt, genau so zu handeln und nicht anders. Doch ist es nie vergebens, diese Wendungen selbst in die Hand zu nehmen und sich den Dingen zu stellen. Hier ergibt sich die Redewendung, dass der einfache Weg oftmals nicht der richtige sein mag.<\/p>\n<p>Fj\u00f6lnir sucht jene, die \u00e4hnlich denken, oder in denen er Ans\u00e4tze \u00e4hnlicher F\u00e4higkeiten erkennt. Seine Wanderschaft ist allgegenw\u00e4rtig und wir sp\u00fcren alsbald seine Anwesenheit, wenn wir uns der Situation bewusst werden, die uns gewoben wurde und vor der Frage stehen, welchen Pfad wir in unserer eigenen Fremde einschlagen wollen. Den des Verstandes, der Weisheit und des Wissens? Oder doch jenen anderen, der so verlockend erscheint? Hier vermag er, jenen genau diese Inspiration zu geben, die ihrer bed\u00fcrfen, um eine bestimmte Situation in ihrem Leben zu \u00fcberwinden. Inspiration vermag er durch seine eigene Wanderschaft, in seiner eigenen Fremde zu stiften. Er schenkt uns seine eigenen Taten, seine eigenen Entscheidungen zum Vorbild, in denen er uns zeigt, dass er nichts verlangt, was er nicht selbst in einer wesentlich d\u00fcstereren Fremde gew\u00e4hlt hat zu tun. Freilich ist Inspiration nicht verpflichtend und er ist nicht der strahlende Sonnenheld, der mit lichtem Beispiel vorangeht. Nein, in seiner Wesensart vereinen sich G\u00fcte und H\u00e4rte, Wildheit und stille Wanderschaft, naturhafte, w\u00fctende, unbeherrschte, unberechenbare, ja selbst animalische Z\u00fcge. Deshalb \u00a0f\u00fcrchten ihn viele und wo sie ihn sehen, gehen sie auf Abstand, meiden ihn oder suchen das Weite. Er aber lacht und sagt: \u201eGeh\u2018 nur, wer meiner nicht bedarf.\u201c<\/p>\n<p>Die Inspiration seiner Taten ergibt sich aus der Tragik seiner eigenen Fremde. Um das Ende der Welt wissend und mit dem Umstand vertraut, daran nichts \u00e4ndern zu k\u00f6nnen, trifft er innerhalb seiner f\u00fcr ihn gesponnenen Situation seine eigenen Entscheidungen. Er agiert innerhalb der ihm bestimmten F\u00e4den. Hier trennt sich die rationale Welt von der des Herzens. Ein jeder Leser m\u00f6ge seine eigenen Wege beleuchten. Oftmals ist es nicht der Kopf, der den richtigen Weg bestimmt. Oftmals wissen wir rational gar nicht mitzuteilen, welchen Nutzen eine Entscheidung zu stiften vermag. Fj\u00f6lnir lebt dies in seiner tragischen Situation vor und seine Taten leben in den Herzen eines jeden Kriegers weiter. Denn seinem Herzen zu folgen erfordert stets den Mut des Kriegers und im Herzen finden wir auch unsere Verbindung zu den G\u00f6ttern.<\/p>\n<p>Heroische (und zugleich tragische) Gestalten der altnordischen \u00dcberlieferung vereinen diese Wesensart in Perfektion: Egill Skalla-Gr\u00edmsson und seine Abstammungslinie sind Beispiele hierf\u00fcr. Egills Gro\u00dfvater pflegte sich in der Abendd\u00e4mmerung in einen Werwolf zu verwandeln und wurde daher Kveld-\u00dalf genannt, der Abendwolf. Auch sein Sohn Gr\u00edm steht dieser Sph\u00e4re nahe, in dem ihn von Zeit zu Zeit besinnungslose Wut \u00fcberkam und ihn zum Berserker werden lie\u00df. In Egills Wesensart waren diese Elemente nur noch in abgeschw\u00e4chter Form vorhanden, was ihn eben zu einem jener Skalden werden lie\u00df, die Intellekt und Inspiration sowie K\u00f6rper- und Willenskraft in sich vereinten.<\/p>\n<p>So war er bereits in seiner Jugend bekannt f\u00fcr sein aufbrausendes Gem\u00fct, war zugleich jedoch bereits in jungen Jahren mit der Runenkunst vertraut und nutzte sein eigenes Blut, um ein Horn, welches seinem Oheim zum Gifttode dargereicht, mit Runenmagie unsch\u00e4dlich zu machen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel zeigt sich in der Brennu-Nj\u00e1ls Saga. Im 75. Kapitel der Saga: Gunnar wird wegen Totschlags des Landes verwiesen. Er macht sich also auf in die Verbannung, doch da stolpert sein Pferd, so dass Gunnar absteigen muss. Er blickt zur\u00fcck auf seinen Hof und spricht:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSch\u00f6n ist dieser Hang, aber so sch\u00f6n habe ich ihn noch nie gesehen, helle Felder und gem\u00e4hte Wiesen. Ich werde nach Hause zur\u00fcckreiten und nirgends hinfahren.\u201c (Isl\u00e4nder Sagas 1, Fischer, S. 596)<\/p><\/blockquote>\n<p>In diesem Fall \u00fcberwiegt die Tragik seiner Entscheidung, weil er wei\u00df, dass ihn dies sein Leben kosten wird. Hier l\u00e4sst sich auch die Tugend der Standhaftigkeit auf die Probe stellen: F\u00fchrte man die Saga in eine alternative Richtung und erz\u00e4hlte, dass der Protagonist seine Verbannung ann\u00e4hme und nach geraumer Zeit zur\u00fcckkehrte und sich durch eigene Schaffenskraft eine neue Existenz aufbaute, w\u00fcrde ein jeder von uns von Standhaftigkeit und dem Gebrauch des Verstandes sprechen. Hier spricht jedoch das Herz des Skalden und er will diesem folgen aus \u00dcberzeugung und Liebe. Hier kann das Trotzige in seinen Worten jedem von uns als kraftvolles Beispiel dienen, einer scheinbar ausweglosen Situation dennoch die Stirn zu bieten.<\/p>\n<p>Etwas, das uns bedr\u00fcckt und eventuell von existenzieller Bedeutung ist, das uns in die Knie zwingen will, \u00f6ffnet unser Herz f\u00fcr die G\u00f6tter und wir sollten in uns genau diese Kr\u00e4fte aktivieren: Das Skaldische im Sinne von Verstand, Geisteskraft und Herzblut, das seine Entfaltung in der Handlung findet. Wir begegnen hier dem Wanderer Fj\u00f6lnir, der in ungleich h\u00e4rteren Situationen \u00a0sich f\u00fcr sein Herz entschieden und sein selbst geopfert hat, um sein Wissen zu mehren, die bevorstehende Gewissheit vielleicht dennoch abwenden zu k\u00f6nnen. Wenn Du heute also Runen ritzt, dann erinnere Dich daran, dass Du es nur deshalb kannst, da er sich in seiner Fremde so entschieden hat, wie er es tat.<\/p>\n<p>Wenn wir von Skalden berichten, so ist gewiss, dass ein jeder Leser bereits ein Bild vor Augen haben wird. Zumeist gehen wir davon aus, dass ein Skalde das Bild eines Barden oder Dichters zu erf\u00fcllen vermag. ING und ich vereint ein gro\u00dfer Bezug zu Allvater Odin und wir haben uns f\u00fcr die Vorstellung Fj\u00f6lnirs entschieden, da dieser seiner Namen den Aspekt des Wissens und der Wissensmehrung im Hinblick auf seine Fremde am trefflichsten wiederspiegelt. Begreifen wir diese Tragik jedoch in ihrer G\u00e4nze, kommen wir nicht umhin auch zu verstehen, dass ein Skalde weitaus mehr sein muss als lediglich ein Dichter. Allvater &#8211; Walvater &#8211; Heervater &#8211; Fj\u00f6lnir. Seinen Weg zu verstehen und seine Fremde und davon zu berichten ist des Skalden Weg. Die Symbiose aus Dichtkunst und Kampf bildet exakt Odins Tragik ab. Die Kunst, zu dichten und kunstvoll zu berichten beinhaltet auch stets die F\u00e4higkeit, die Herzen derer zu ber\u00fchren, die zuh\u00f6ren. Hier ist der Skalde Poet und wird, widmet er sich den Geschichten und Taten der G\u00f6tter mit seiner F\u00e4higkeit <em>thulr<\/em>, der Kultredner.<\/p>\n<blockquote><p>Ein vierzehntes kann ich,<\/p>\n<p>soll ich dem Volk der Menschen<\/p>\n<p>die Himmlischen herz\u00e4hlen:<\/p>\n<p>von Asen und Alben<\/p>\n<p>wei\u00df ich alle Kunde;<\/p>\n<p>kein Witzloser wei\u00df davon.<\/p>\n<p>Die Zauberlieder 14<\/p><\/blockquote>\n<p>Bedenken wir unseren individuellen Lebenspfad mit den G\u00f6ttern als Kunst und unsere N\u00e4he zu ihnen als Ziel, das zu erreichen unsere Herzen erhellt, ist es nicht wesensfremd, unseren spirituellen Pfad als Weg eines Skalden, eines Kriegerpoeten zu betrachten. Denn die Grundlage der Skaldenkunst kann bereits jedes kleine Ritual bilden, in dem wir unsere Kunde von Asen und Alben tun. Hier sind wir Poeten.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 1rem;\">Zu Kriegern werden wir letztlich, wenn Wut, Zorn oder Traurigkeit in uns aufkommt. Denn dies sind genau jene Emotionen, die wir sp\u00fcren wenn etwas Unvorhergesehenes mit (f\u00fcr uns) negativen Auswirkungen eintritt. Doch reine Wut oder reine Traurigkeit bringen keinen weiter, aber es ist vielleicht gut zu wissen, dass sie genau aus dieser Urquelle stammen, deren Kr\u00e4fte aber beherrscht und gelenkt werden m\u00fcssen. Schaffen wir dies, werden wir eines Abends einen Wanderer sehen, von dem wir meinen, dass er uns ein Zeichen gibt \u2013 oder zwei Raben fliegen \u00fcber uns hinweg\u2026 Fj\u00f6lnir, der viel Wissende, der Wanderer\u2026der Allvater.<\/span><\/p>\n<blockquote><p>Die Walk\u00fcre: Nach den Skalden will ich Dich fragen, da Du Bescheid wohl wei\u00dft: Kennen musst Du der Krieger Treiben, die in Haralds Halle sind.<\/p>\n<p>Der Rabe: An ihren R\u00f6cken sieht man\u00b4s und den Ringen von Gold, dass sie des F\u00fcrsten Freunde sind: Sie tragen rote Pelze, reichumbortete, ringgeflochtne Br\u00fcnnen, geritzte Helme, Schwerter im Goldgeh\u00e4nge mit Griffen von Silber, Ringe um\u00b4s Handgelenk, die ihnen Harald schenkte.<\/p>\n<p id=\"firstHeading\" class=\"firstHeading\" lang=\"de\">Haraldskv\u00e6\u00f0i 17, 18<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wertere Last tr\u00e4gt auf dem Weg man nie als starken Verstand: er frommt dir mehr in der Fremde als Gold; er ist des Hilflosen Hort. ~ H\u00e1vam\u00e1l ~<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[117,109],"tags":[99,116],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/536"}],"collection":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=536"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/536\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":571,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/536\/revisions\/571"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=536"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=536"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=536"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}