{"id":988,"date":"2018-09-06T14:29:46","date_gmt":"2018-09-06T12:29:46","guid":{"rendered":"http:\/\/nordost.altesitte.info\/?p=988"},"modified":"2018-12-21T06:51:04","modified_gmt":"2018-12-21T05:51:04","slug":"wenn-aus-heiden-christen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/?p=988","title":{"rendered":"Wenn aus Heiden Christen werden"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe lange \u00fcberlegt, wie ich das Thema nenne. Vielleicht eine sch\u00f6n klingende Umschreibung, aus der die Andeutung hervorscheint und im ersten Absatz klar werden l\u00e4sst, worum es geht&#8230; ich mag sowas. Hier aber nicht. Schn\u00f6rkellos und sachlich m\u00f6chte ich ein Thema ins Bewusstsein r\u00fccken, das mich schon seit Jahren besch\u00e4ftigt. Viele gute Menschen haben das heidnische Umfeld verlassen und ihre Schritte ganz unterschiedlich begr\u00fcndet. Ich kann sie nachvollziehen, teile sie aber nicht. Es \u00fcbersteigt nat\u00fcrlich meine zeitlichen Grenzen, mich eingehend mit jeder pers\u00f6nlichen Entscheidung schriftlich-analytisch auseinanderzusetzen, obschon sie es wert w\u00e4ren, allein um daraus Schl\u00fcsse f\u00fcr die Alte Sitte zu ziehen.<\/p>\n<p>Nun hat erneut ein langj\u00e4hriger Asentreuer seine Segel gestrichen, um in christliches Fahrwasser \u00fcberzusetzen. Ich hege weder Groll noch Entt\u00e4uschung, sondern sehe immer den Menschen an sich und w\u00fcnsche ihm Gl\u00fcck und Erf\u00fcllung. Seine Gedanken hat er in einem Blogbeitrag ver\u00f6ffentlicht &#8211; und dies m\u00f6chte ich zum Anlass nehmen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Vorab<\/strong><\/p>\n<p>Als ich etwa um das Jahr 2000 begann, mich verst\u00e4rkt im organisierten germanischen Heidentum umzusehen, geschah das aus dem Wunsch heraus, mich endlich in gr\u00f6\u00dferer Form mit Gleichgesinnten austauschen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es war auch damals schon so, dass viele aus einem christlichen Erfahrungshorizont ins germanische Heidentum kamen. Daran hat sich bis heute wenig ge\u00e4ndert. Abgesehen von den Kindern, die von ihren bereits heidnischen Eltern in eine nichtchristliche Familie geboren wurden. Doch auch diese kommen \u00fcber den Kindergarten oder sp\u00e4testens der Schule mit christlichen Inhalten in Ber\u00fchrung.<\/p>\n<p>Aus einem sozialen Umfeld christlicher Pr\u00e4gung, das auch regional st\u00e4rker oder schw\u00e4cher ausgelegt sein kann, geht dem bewussten Schritt in Richtung Heidentum h\u00e4ufig eine adoleszente Entwicklungs- und Losl\u00f6sephase voraus, die mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter die freie Entscheidung mit sich bringt, \u201ealte Z\u00f6pfe\u201c abzuschneiden und mit den Entscheidungen der Eltern, oft mit Zw\u00e4ngen und Nachdruck verbunden, gr\u00fcndlich aufzur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Die Motivation oder generell auch die entwicklungsbedingten Faktoren, die einen Menschen initial dazu bewogen haben, sich dem Heidentum zuzuwenden, k\u00f6nnen sich also im Verlauf der Jahre oder Jahrzehnte grundlegend ver\u00e4ndern. Vielleicht sogar so weit, dass eines Tages der entgegengesetzte Weg ansteht; die Umkehr zur\u00fcck ins Christentum.<\/p>\n<p><strong>Wenn aus Heiden Christen werden<\/strong><\/p>\n<p>Kann ein inbr\u00fcnstiger germanischer Heide wieder in christliches Fahrwasser gelangen? Ist sowas m\u00f6glich? Vielleicht werden manche denken: Ja, doch wenn \u00fcberhaupt nur die wankelm\u00fctigen, noch ungefestigten und eh nie so richtig angekommenen Neulinge. Jene also, die beim ersten Anflug von Zweifeln den R\u00fccksprung in wohlbekannte Gefilde nehmen, in die starke Feste. Oder eventuell auch dem Au\u00dfendruck erliegen, also den Erwartungen nach gesellschaftlicher Konformit\u00e4t, dass man sich einzureihen habe und diesem Umfeld nicht l\u00e4nger standhalten k\u00f6nne oder wolle\u2026Nicht jeder will damit leben, immer auch ein st\u00fcckweit Gegenkultur vor sich herzutragen.<\/p>\n<p>Doch in den meisten F\u00e4llen scheint es gerade das nicht zu sein. Jene Menschen, die ich im germanischen Heidentum kennengelernt habe und die sp\u00e4ter zum Christentum gewechselt sind, kamen meist zuvor aus einem christlichen Umfeld (Schule, Familie etc.) ins Heidentum; sind also keine \u201eneuen Christen\u201c geworden. Und bei dieser \u201eR\u00fcckbesinnung\u201c scheinen Au\u00dfenimpulse nicht im Vordergrund gestanden zu haben, sondern mehr die innere \u00dcberzeugung aus einer l\u00e4ngeren Wandlungs- und Abl\u00f6sephase gereift zu sein, die Bindung zum germanischen Heidentum zuerst f\u00fcr sich selbst und dann auch \u00f6ffentlich aufzuk\u00fcndigen. Interessant zu beobachten ist, dass diese Personen oft jene sind, die lange (&gt; 8 Jahre) im heidnischen Umfeld aktiv t\u00e4tig waren, sich mit den Grunds\u00e4tzen tiefgehend besch\u00e4ftigt haben und sich in einer fortgeschrittenen Lebensphase\u00a0befinden.<\/p>\n<p>Ich wurde mal gefragt, wie ich pers\u00f6nlich dazu stehe. Zu jenen, die in dieser Schaffensphase ihres Lebens viel f\u00fcr das Heidentum geleistet haben, als Schreiber und Schriftsteller, als Initiatoren von Projekten, als Verleger, als Webseiten- und Blogbetreiber, als K\u00fcnstler und vieles mehr \u2013 und unausl\u00f6schlich ihren Fu\u00dfabdruck durch nachhaltige Werke gesetzt haben. Ich respektiere jede Entscheidung und mache niemandem einen Vorwurf. Nat\u00fcrlich finde ich es immer schade, doch in den seltensten F\u00e4llen kommt es wirklich \u00fcberraschend. Das ist eben der Lauf der Dinge. Die vielen pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4che schaffen ein tieferes Verst\u00e4ndnis und lassen mich manche Entscheidung nachvollziehen.<\/p>\n<p>Wobei in allen mir bekannten F\u00e4llen ein f\u00fcr die Entwicklung des Heidentums besonders bitterer \u201ebrain drain\u201c zu verzeichnen ist, also der Verlust an Talenten &#8211; die im Grunde jede Str\u00f6mung n\u00f6tig hat. Denn all diese Personen sind durchweg von hoher Schaffenskraft gekennzeichnet, die sowohl nach innen als auch nach au\u00dfen gewirkt haben. Bei so einem Weggang bleibt immer eine klaffende L\u00fccke zur\u00fcck, die sich aufgrund der individuellen Pr\u00e4gung seltenst wieder schlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Einer dieser Menschen war im \u00c1satr\u00fa-Umfeld als <em><strong>Pileatus<\/strong><\/em>\u00a0bekannt. Mit seiner Gabe, tiefsinnige und bildreiche Texte zu verfassen, hat er einiges an Erkenntnissen eingestreut und oft dort Themen ins Licht ger\u00fcckt, wo andere heute noch im Dunkeln tappen. Nun ist er unserer Wirkst\u00e4tte verloren gegangen, wobei er seine Beweggr\u00fcnde in einem Text beschreibt, den ich an dieser Stelle mit seiner freundlichen Genehmigung aufgreifen m\u00f6chte:<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><em>Vom Sumbelhorn zum\u00a0Rosenkranz<\/em><\/h2>\n<blockquote><p>Es war der Vorabend des ersten Wintertags. Ich stand im Wald. Vor mir st\u00fcrzte sich ein Bergbach \u00fcber die Felsen. Ich hielt das Horn in der Hand. 18 Jahre lang, ein halbes Leben lang, war dies mein Brauch gewesen. Im Herbst, im Winter und im Fr\u00fchling sammelte ich meine Freunde um dieses Horn. Immer war es voll mit Bier und Met. Ich hob es in den Himmel und rief den Donar, den Wuodan und die \u201cFrouwe\u201d.<br \/>\nWenn ich dann einen m\u00e4chtigen Schluck nahm und das Bier mir in den Bart rann, glaubte ich sie zu sp\u00fcren, die pralle Lebenskraft, die diese G\u00f6tter f\u00fcr mich versinnbildlichten. Gerne sprach ich von der \u201eLebenswut\u201c. Mit jeder Runde steigerte sich die Kraft. Alles schien heilig. Nicht selten endeten die Feste in v\u00f6lliger Betrunkenheit. Auf sie folgten graue Tage voller Sehnsucht nach dem Gef\u00fchl, das ich da in den Bergen, das Horn in der Hand, erfahren hatte.<br \/>\nAn diesem Abend war alles wie immer. Bis auf ein kleines Detail. Im Horn war kein Met.<br \/>\nNun stand ich also da und rief sie wieder, die Urm\u00e4chte. Doch der S\u00fcssmost schien ihnen nicht zu schmecken. Keine Kraft fuhr in mich, als ich auf den Donner trank. Keine Wut stieg in mir auf, als der Name Wuodans \u00fcber meine Lippen ging. Erst in der dritten Runde, jener auf \u201edie Frau\u201c, geschah etwas seltsames. Es war, als ob sich mir im Anblick des Wasserfalls etwas zuwandte. Eine grosse Sch\u00f6nheit. Nicht Wildheit, wie ich es erwartet hatte. Eher eine schwer zu beschreibende Anmut und Sanftheit.<br \/>\nIch ging zur\u00fcck in mein Leben und dachte oft an \u201edie Frau\u201c. Ich las viel \u00fcber die weiblichen Wesen des Landes, die Matronen, die G\u00f6ttinnen der Fl\u00fcsse. Kam am Ende zum Schluss, dass bei den alten Germanen nur die Kriegsherren mit ihrem Gefolge die \u201ewilden G\u00f6tter\u201c verehrten. Dass f\u00fcr alle anderen weibliche Wesen, die Disir, im Mittelpunkt der Verehrung standen. Dass in diesen Disir eine grosse G\u00f6ttin sich im Lokalen, im konkret Erlebbaren zeigte.<br \/>\nIch fragte mich, wer unsere Dise war. Ich erinnerte mich an eine.<br \/>\nZuhinterst im Tal der Luthern, am Ausgang eines Chrachens, der vom Napf herunter f\u00fchrt, fliesst ein klarer Brunnen. Ein Jakob Minder hatte ihn freigelegt, nach dem ihm in der Nacht eine wundersame Frau erschienen war. Das Wasser heilte ihn und viele andere. Heute steht dort eine kleine Kapelle mit einem Marienbild. Ich war hier oft zum wandern. In einer schweren Zeit bat ich sie, aus einer Eingebung heraus, um Unterst\u00fctzung. Ich trank von ihrem Wasser. Es half.<br \/>\nIch fragte mich, wer sie wohl sei, die Matrone von Luthern Bad, die mir so wunderbar beigestanden hatte. Immerhin klang das alles nach einer hervorragenden Geschichte. Ich wurde schnell f\u00fcndig. Die Frau, die Jakob Minder in der Nacht erschienen war, hatte er als die schwarze Madonna von Einsiedeln identifiziert.<br \/>\nIch fuhr nach Einsiedeln.<br \/>\nLange sass ich vor dem Gnadenbild. 18 Jahre lang hatte ich von Tradition gesprochen und damit etwas gemeint, dass ich selbst erschaffen hatte. Nun sah ich gew\u00f6hnliche Menschen, die in der Mittagspause wie beil\u00e4ufig in die Kirche huschten, um vor dem Gnadenbild innig zu beten. Seit Jahrhunderten stand es hier. Generationen hatten hier ihre Herzensw\u00fcnsche ausgesch\u00fcttet.<br \/>\nIch kaufte mir eine Miniatur des Gnadenbilds und nahm sie mit nach Hause. Sie sollte meine Dise sein und auf dem Altar neben den heidnischen G\u00f6tterbildern stehen. Doch je l\u00e4nger ich meinen Altar umgestaltete, desto d\u00fcsterer erschienen mir Odin und Thor. Am Ende eines langen Abends war der Altar leerger\u00e4umt. Wie eine geschlagene Armee standen die G\u00f6tterbilder auf dem Boden. Oben thronte die Jungfrau Maria. Und ich f\u00fchlte einen Frieden wie seit Kindertagen nicht mehr.<br \/>\nAus dem heidnischen Altar ist mittlerweile ein kleines Gebetshaus geworden. Noch immer steht die Miniatur des Gnadenbildes im Zentrum. Anstelle der t\u00e4glichen Meditation ist der Rosenkranz getreten. Ich bete ihn jeden Tag. Aus Dankbarkeit f\u00fcr die Hilfe Unserer Frau vom Finsterwald, so sage ich gerne. Aber eigentlich es geht mir nicht um den Glauben, denn ich bin ein schlechter Gl\u00e4ubiger. Mir geht es um das Ritual. Es ist altbew\u00e4hrt und solide. Es gibt mir eine halbe Stunde am Tag, in der ich auf eine wahrere und tiefere Weise bin, als dass ich es um Trubel des Alltags sein kann.<br \/>\nIch bin fest \u00fcberzeugt davon, dass wir Menschen keine Psyche haben, sondern dass wir in der Psyche leben. Um mit ihren Kr\u00e4ften umzugehen, brauchen wir Rituale. So sehe ich auch die Liturgie der Kirche. Mir scheint, dass sie von einer grossen Heilung erz\u00e4hlt, dem Zusammenwachsen einer zerrissenen Welt. Die Beichte, die Wandlung, die Kommunion: Es sind Elemente einer antiken Traumatherapie.<br \/>\nDenn das Christentum war in seinen Anf\u00e4ngen die Religion konvertierter Heiden. Nicht selten waren es Menschen, die Schreckliches erlebt hatten. Legion\u00e4re. Prostituierte. Witwen und Waisen. Sie hatten an der Welt gelitten, in der sie lebten. Doch sie glaubten, dass nun ein gewaltiges Ereignis die Macht der alten G\u00f6tter f\u00fcr immer gebrochen hatte.<br \/>\nDas mit diesen etwas nicht stimmen konnte, war l\u00e4ngst bekannt. Ovid beschreibt es ebenso wie die V\u00f6luspa aus Island tausend Jahre sp\u00e4ter: Einst hatten G\u00f6tter und Menschen in einem goldenen Zeitalter gelebt. Doch die G\u00f6tter hatten versagt, sich schuldig gemacht, sich im Netz der Notwendigkeiten verfangen. Seither ging es abw\u00e4rts mit der Welt. Bereits hatte das eiserne Zeitalter, die Wolfszeit, begonnen, und das Ende war nahe. Wenn die fr\u00fchen Christen die heidnischen G\u00f6tter als Engel beschrieben, die in der Urzeit gestrauchelt seien und auf der Erde ein Reich des Mutwillens errichtet h\u00e4tten, best\u00e4tigten sie nur, was die Heiden schon lange selber glaubten.<br \/>\nDenn die Welt der alten G\u00f6tter war hoffnungslos und brutal. Alles drehte sich um Macht und Kraft. Das Heilige war immer dann pr\u00e4sent, wenn sich im \u00dcberschwang des Triumphs der Himmel auftat und die Unsterblichen den Sterblichen winkten. Aber hinter der Fassade des Vitalismus lauerte eine uralte Traurigkeit. Letztlich war all dieses heroische K\u00e4mpfen und Ringen um Ruhm und Ehre doch ein Tanz mit dem Absurden. Vielleicht brauchte das heidnische Fest deshalb den Rausch. Der n\u00fcchternen Betrachtung hielt es nicht stand.<br \/>\nDie junge Kirche sah in den Tugenden der Heiden \u201cglanzvolle Laster\u201d. Einer Welt, in der sich letztlich alles um Selbstbehauptung und Glorie drehte, setzte sie etwas Verborgenes entgegen. Etwas, das ins sich ruhte. Man nannte es \u201cdas ewige Leben\u201d oder \u201cdas Reich Gottes\u201d. Es erwuchs aus der Leere, die das Erkennen des Absurden hinterlassen hatte.<br \/>\nMan machte die Erfahrung, dass in dieser Leere eine Befreiung lag. Wo der Tanz um das eigene Ego endlich zum Stillstand kam, entstand Raum f\u00fcr die Begegnung mit dem Anderen. Dem anderen Menschen, aber auch jenem \u201cg\u00e4nzlich Anderen\u201d, das die Christen als DEN Gott proklamierten. Dieser war seinem Wesen nach etwas v\u00f6llig anderes als das, was die Heiden bisher als G\u00f6tter verstanden hatten.<br \/>\nWas die Christen als ihren Gott entdeckt hatten, war keine weitere Wirkm\u00e4chtigkeit im Kosmos. Es war nichts weniger als das absolute Sein. Und dieses dachten sie sich als vollkommene Liebe. Das war keine Schw\u00e4rmerei, sondern folgte einer durchdachten Argumentation.<br \/>\nWenn in der Welt alles kausal miteinander verbunden ist, dann ist alles was existiert, durch etwas anderes bedingt. Irgendwo aber, so die Vermutung der Kirchenv\u00e4ter, muss dies auf eine letzte Bedingung f\u00fchren, die selbst durch nichts bedingt ist. Alles andere w\u00e4re keine Erkl\u00e4rung, sondern lediglich ein Eingest\u00e4ndnis des Nichtwissens. Von diesem als einzige m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung angenommenen Unbedingten muss alles Bedingte abh\u00e4ngen. Da das Unbedingte definitionsgem\u00e4ss keine Bedingung kennt, ist es weder durch Raum noch Zeit noch irgendwelche Umst\u00e4nde begrenzt. Es ruht g\u00e4nzlich in sich selbst und kennt keine Notwendigkeit und kein Ziel, denn es gen\u00fcgt sich selbst vollkommen. Wenn es also selbst etwas bedingt, dann nur, weil es dies aus sich heraus so will.<br \/>\nDas bedeutet wiederum, dass das Unbedingte als Bewusstsein zu denken ist \u2013 ohne Bewusstsein kann es keinen Willen geben. Ohne jede Not, ohne jeden zu erwartenden Vorteil erschafft dieses Bewusstsein aus dem Nichts. Damit ist die Tatsache, dass es \u00fcberhaupt etwas gibt, auf einen freien, v\u00f6llig selbstlosen Willensakt zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das w\u00e4re aber nichts anderes als eine \u00c4usserung vollkommener Liebe. Und weil etwas Unbedingtes in seiner Willens\u00e4usserung durch nichts beeinflusst werden kann, ist es mit seinem Willen und Tun identisch. Das wiederum bedeutet, dass die erste Bedingung, die alle Existenz bedingt, selbst vollkommene Liebe ist.<br \/>\nZu einem so verstandenen Gott konnte man sich nicht l\u00e4nger mit blutigen H\u00e4nden und vollen Weinschalen erheben. Das Opfer, das er forderte, war Liebe f\u00fcr die Menschen und die gesamte geschaffene Welt. Und das erfordert nicht Stolz, sondern Demut. Umkehr. Wer sich dem ewigen Sein, das Liebe ist, zuwandte, sollte n\u00fcchtern und wachsam sein. Er sollte aufh\u00f6ren, sich \u00fcber andere zu erheben und so seine eigene Identit\u00e4t zu vergotten: Seinen sozialen Status, seine Abstammung, seinen Staat, seinen athletischen K\u00f6rper, seinen Reichtum, seine eigenen Heldentaten.<br \/>\nIm andauernden Gebet sollte der Mensch sich leeren. Er sollte sich seiner Schw\u00e4che bewusst werden und lernen, die Fallstricke seiner Leidenschaften zu erkennen. Auf diese Weise sollte er offen werden f\u00fcr das, was wie ein unver\u00e4nderlicher Himmel \u00fcber dem Wolkenspiel steht, in dem die Heiden noch ihre G\u00f6tter erblickt hatten. In diesem neuen Licht schliesslich sollte er Sinn und Heilung finden \u2013 um dann andere zu heilen.<br \/>\nFr\u00fcher war mein Leben nur das Warten auf Grosses, das bald zu geschehen hatte. Reisen, Bergtouren, berufliche Erfolge, all das war ich dem Leben in mir schuldig, so glaubte ich. Aber in die angetrunkene Vorfreude mischte sich stets Furcht und Unzufriedenheit. Ich lebte im Geist der Rebellion. Ich habe meine grossen Tr\u00e4ume losgelassen. Sie flogen davon wie Luftballons. Nun stehe ich fester am Boden, um andere st\u00fctzen und tragen zu k\u00f6nnen. Damit ist Sinn in mein Leben gekommen.<br \/>\nWachsam und n\u00fcchtern wollten die fr\u00fchen Christen sein. Wir sind nicht, was wir gerade f\u00fchlen. Schon in ein paar Stunden f\u00fchlen wir vielleicht anders. W\u00fcrden wir auf unsere innere Stimme h\u00f6ren, wir w\u00e4ren Narren. Oft genug hat sie uns betrogen und in die Irre gef\u00fchrt. Wir glauben ihr nicht mehr. Die wilden G\u00f6tter haben ihren Schrecken und ihre Faszination verloren. Sie sind zu Zwergen und Kobolden geworden. Das ist es, was das Christentum mit der alten Welt gemacht hat. Es hat die heidnischen Traditionen nie gebrochen. Es hat sie neu geordnet. Es hat die Verehrung von den diesseitigen G\u00f6ttern des Lebenskampfes verlagert auf ein Urprinzip, das \u00fcber dem \u201cStirb und Werde\u201d steht.<br \/>\n\u201cNicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen \u00fcber dieselben beunruhigen die Menschen\u201c, sagte Epiktet, der grosse heidnische Philosoph. Im sanften Licht der wachsamen N\u00fcchternheit verblasst das Schattenspiel der \u201cUrkr\u00e4fte\u201d, die doch ihrem Wesen nach ebenso fl\u00fcchtig sind wie wir selbst. Ich weiss, dass ich ohnehin alles annehmen muss. Es bleibt meine Freiheit, zu entscheiden, ob ich es in Angst und Wut tun will \u2013 oder in Gelassenheit und Liebe.<br \/>\nIch glaube, dass wir uns in unserem Leben \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Und dass wir dann \u00fcber die Banden unserer biologischen, ethnischen und sozialen Beschr\u00e4nkung hinauswachsen. Sie sind die alte Schlange, die uns von Geburt an umschlingt und trennt vom eigentlichen Sein.<br \/>\nIch glaube, dass der selbstlose Weg uns an einer Ewigkeit teilhaben, und dass uns der andere an einem kalten und einsamen Ort verharren l\u00e4sst. Ich glaube, dass sich jeden Tag aufs neue entscheidet, was unser Leben am Ende gewesen sein soll: \u00d6ffnung oder Einschliessung.<br \/>\nIch glaube, dass Heilung geschieht, wenn das ewige Sein sich unvermischt und ungeteilt mit unserem Menschsein verbindet. Ich glaube, dass das ewige Sein, wenn es in einem menschlichen Leben lebt, die Forderung der Bergpredigt erhebt. Ich glaube, dass ich an dieser Forderung nur scheitern kann. Aber auch, dass mir das Licht deswegen nicht verborgen bleibt.<br \/>\nDenn in Maria hat es die ganze geschaffene Welt durchdrungen, und aus ihr scheint es mild und farbenfroh in unser Leben herein. F\u00fcr mich sind die Titel der Jungfrau mehr als nur poetische Umschreibungen. Sie ist die Morgenr\u00f6te, sie ist der Baum des Lebens, sie ist der Stern des Meeres und die K\u00f6nigin des Himmels.<br \/>\nMaria ist vom ewigen Sein durchdrungene Sinnlichkeit. Sie tr\u00e4gt Sonne, Mond und Sterne in sich, weil sie in sich aufgenommen hat, was das Universum umf\u00e4ngt.<br \/>\nMaria ist das Ja der Sch\u00f6pfung zu ihrem Sch\u00f6pfer, des Daseins zum Sein. In ihr erhebt die Welt sich zu Gott. Sie allein hat der alten Schlange das Haupt zertreten, und durch ihren K\u00f6rper ist das Licht in die Welt gekommen. In ihr gewinnt der Kosmos die Makellosigkeit zur\u00fcck, die ihm doch eigentlich eigen ist. Und so ist es auch mit uns, die wir Teil dieses Kosmos sind, und damit Teil von ihr. So ist sie tats\u00e4chlich \u201cunser Leben, unsere Wonne, unsere Hoffnung\u201d, wie es die M\u00f6nche von Einsiedeln seit Jahrhunderten singen. Jeden Tag.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich w\u00fcrde gern ein wenig dar\u00fcber nachdenken und vielleicht das eine oder andere Detail diskutieren. Wer sich beteiligen m\u00f6chte, kann gern die Kommentarfunktion benutzen. Dass dies ausschlie\u00dflich im sachlichen und respektvollen Ton geschieht, ist wohl selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Aus Zeitgr\u00fcnden unterteile ich meine Befassung in mehrere Teile, angefangen mit&#8230;<\/p>\n<h3>Teil 1<\/h3>\n<p><strong>Alkohol<\/strong><\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt bereits beim ersten Lesen eine deutliche Erw\u00e4hnung alkoholischer Getr\u00e4nke auf, die sich insgesamt \u00fcber neunmal im ganzen Text fortsetzt. Das hat mich zun\u00e4chst gest\u00f6rt, weil ich die rituellen Feste der Alten Sitte nicht als Saufgelage verstanden haben m\u00f6chte. Sicher wird auch gelegentlich bei uns etwas getrunken, aber als bestimmenden Faktor im Ablauf unserer Feste w\u00fcrde ich es nicht bezeichnen.<\/p>\n<p>Meine Frau machte mich dann jedoch auf unsere fr\u00fcheren Feste aufmerksam und meinte, dass gerade die gr\u00f6\u00dfer ausgelegten Sommersonnenwenden in einer Wallburg, wo wir teilweise auch in Zelten \u00fcbernachtet haben, schon zu fortgeschrittener Stunde in einen m\u00e4chtigen Umtrunk m\u00fcndeten. Und ja, Parallelen sind nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Mir sind jedoch auch Organisationen mit striktem Alkoholverbot bekannt.<\/p>\n<p>Ein elementarer Aspekt bleibt jedoch unumst\u00f6\u00dflich, dass den G\u00f6ttern \u2013 und insbesondere Odin \u2013 Met als Opfergabe dargebracht wird. Dies ist ein\u00a0wesentlicher Bestandteil in meinen Ritualen, was mythologisch begr\u00fcndet ist und nicht zugleich bedeutet, dass auch ich etwas von dem Met trinke. In der Symbolik der Alten Sitte kommt dies in den zwei H\u00f6rnern (vor dem Eidring) zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Nun kann man aber auch im Rotwein des katholischen Abendmahls, der Eucharistie, ein Weinopfer sehen kann. Es geht aber vermutlich um etwas anderes; um den teils exzessiven Alkoholgenuss bei heidnischen Feiern, der strukturell zu einer v\u00f6lligen Verplattung und eben nicht zu einer Vergeistigung religi\u00f6ser Inhalte f\u00fchrt.<\/p>\n<h3>Teil 2 (folgt)<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe lange \u00fcberlegt, wie ich das Thema nenne. Vielleicht eine sch\u00f6n klingende Umschreibung, aus der die Andeutung hervorscheint und im ersten Absatz klar werden l\u00e4sst, worum es geht&#8230; ich mag sowas. Hier aber nicht. Schn\u00f6rkellos und sachlich m\u00f6chte ich ein Thema ins Bewusstsein r\u00fccken, das mich schon seit Jahren besch\u00e4ftigt. Viele gute Menschen haben [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,109],"tags":[136,179,178],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/988"}],"collection":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=988"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/988\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1050,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/988\/revisions\/1050"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nordost.altesitte.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}