Alte Sitte und Islam – Teil 1

Wer ab und an meinen Blog verfolgt erinnert sich vielleicht, daß ich an anderer Stelle erwähnte, in loser Reihenfolge weltanschauliche Themen aufgreifen zu wollen. Allerdings mit Bedacht, weil ich der Meinung bin, daß es niemals politisch werden darf. Das Abstraktionslevel sollte immer so gewählt sein, daß sich heidnisch-religiös argumentieren läßt, vielleicht noch kulturkritisch, aber niemals politisch. Ich finde, daß man den Kontext nicht verlassen darf, aus dem das Thema gestartet wurde – auch wenn Themen häufig unterschiedliche Lebensbereiche berühren und Grenzen durchaus fließend sind. Und dieser Kontext ist die Alte Sitte – und da es auch nicht die eine Alte Sitte gibt, sondern einen breiten Strom an vielen eigenen Auslegungen, kann ich hier festhalten: Unter weltanschaulich verstehe ich primär die Deutung auf Grundlage der persönlichen Wertvorstellungen, gemessen an der Alten Sitte (Auslegung).

Zum eigentlichen Thema.

Häufig werde ich (via asentr.eu) gefragt: „Wie stehst du denn eigentlich zum Islam?“ Na gut, dann will ich mal versuchen, meinen Standpunkt darzulegen.

Was mir durchaus seit einiger Zeit (Jahren, Jahrzehnt) deutlich auffällt ist die Tatsache, daß der Islam mit all seinen Facetten & Forderungen in den Medien weit oben auf der Agenda steht – mal mehr, mal weniger, aber auf jeden Fall konstant. Bei anderen Religionen in Deutschland ist dies keineswegs der Fall, selten erfahren beispielsweise Buddhisten, Hinduisten, Jesiden oder andere eine ähnlich große mediale Aufmerksamkeit. Laut Bundeszentrale für politische Bildung erfüllen die „Massenmedien“ unter anderem eine Meinungsbildungsfunktion und „[…] tragen auch zum stetigen Wandel der Gesellschaft aufgrund aktueller Entwicklungen bei.“

Ob man also will oder nicht, man kann sich dem gar nicht entziehen. Doch was gehen mich die Vorschriften einer Religion an, der weder ich noch jemand aus meinem familiären Umfeld angehören? Die westeuropäische Vorstellung Religion als Privatsache zu betrachten wird hier völlig ausgesetzt, was Situationen zur Folge haben kann, die einen dazu fordern sich „aus Rücksichtnahme“ anders zu verhalten als gewohnt (einzuschränken). Was im Endeffekt natürlich auch bedeuten kann, daß ich als Heide bzw. Anhänger der Alten Sitte diese Einschränkung hinnehmen muß. Konkret für den öffentlichen Raum können das Aufforderungen sein zur Rücksichtnahme auf z.B. spezielle Ernährungsvorschriften (schweinefleischfreies Kita- oder Schulessen, betriebliche Grillfeier, Kantinen etc.), Bekleidungsvorschriften, Verhaltenstipps zum Ramadan wegen „gewisser Reizbarkeit“, bis hin zu speziellen Verhaltensregeln gegenüber Moslems im Allgemeinen oder vollständiger Veränderungen des einheimischen Brauchtums wie Weihnachtsmärkte zu Wintermärkten umzufunktionieren und so weiter.

Schauen wir uns einmal die monotheistischen Rahmenbedingungen an, durch die sich solche Lehren auszeichnen, wundert es wenig, denn…

Um nur mal die prägnantesten Kennzeichen zu nennen.

Ethnisch-traditionelle Religionen kennen dies hingegen alles nicht. Sie kennen…

  • keinen missionarischen Auftrag
  • keinen universellen Geltungsanspruch
  • keinen expliziten Moralkodex
  • keinen Religionsstifter
  • keine Mittler zur göttlichen Sphäre

Der Mensch steht im Mittelpunkt und nicht die autoritäre Lehre.

Heidnische Traditionen sind von Natur aus pluralistisch, weil schon ihre Mythologien die Vielfalt der Kräfte beschreiben. Daher ist für sie auch das Grundverständnis der Koexistenz von verschiedenen Interessen und Lebensstilen in einer Gesellschaft selbstverständlich, sofern  – und das muss man ganz klar sagen – einzelne Kräfte dem nicht entgegenstehen bzw. versuchen, ein Ungleichgewicht zu ihren Gunsten herzustellen (zu erkämpfen).

Nun mag insbesondere dieser letzte Punkt ein Aspekt sein, den jeder anders beurteilt bzw. ab wann das zutrifft. Es lassen sich jedoch messbare Indikatoren aufstellen, die graduell darüber Aufschluß geben, in welche Richtung sich der stete Wandel einer Gesellschaft vollzieht.

Nehme ich hier nur mal Herrn Mazyek vom Zentralrat der Muslime beim Wort, daß der Ramadan hierzulande bedeutungsvoller geworden sei und schon als Teil des gelebten Brauchtums, vergleichbar mit unserem Weihnachten (also dem uralten Julfest), zu sehen sei… so kann man das gut oder schlecht finden, auf jeden Fall ist es aber eines: Eine voranschreitende Verschiebung des gesellschaftlich-kulturellen Koordinatensystems. Wenn jeder der  grundsätzlichen Denkweise folgen würde, seine Religion im Privaten auszuleben, ohne seinen eigenen Wirkbereich beständig ausdehnen zu wollen, wären verbale Kampfbegriffe unnötig. Aber gerade jene, deren zentrale Botschaft die Einteilung der Welt in Muslime und „Kuffar“ (Ungläubige) ist, können natürlich gar nicht anders, als den eigenen Herrschaftsbereich beständig erweitern zu wollen. Daß dies zugleich bedeutet, in den Raum anderer vorzudringen, ist ihnen nicht nur egal – nein, es ist ihr Bestreben. Ein invasives Verhalten steht einem nichtinvasiven Verhalten gegenüber.

Was bedeutet das für die Alte Sitte? Also einer Tradition, die sich im Grunde inklusiv versteht? Das kann zum Beispiel heißen, daß jeder früher oder später an einen Punkt kommen wird, an dem die eigene religiöse Identität herausgefordert wird.

Einem defensiven Heidentum, das in einer multireligiösen Umwelt zwar die nur vorstellbar geringste Rolle spielt (also quasi nicht vorhanden ist) und doch aus voreilender Fernstenliebe einer autoritären Lehre, die vor Selbstbehauptung nur so strotzt, zum Fest des Fastenbrechens  gratuliert, wird die Verteidigung der eigenen heidnischen Tradition sehr ungewohnt vorkommen. Sie wird untergehen. Und ich kann das in gewisser Weise auch verstehen, denn angenommen die Alte Sitte wäre die weltweit am schnellsten wachsende Religion, würde mich eine Handvoll Leute in bunten Batiktüchern mit keltischen Flechtknotenmustern auch nicht interessieren. Ich würde es als Geste der Erniedrigung ansehen, wenn ich ihnen offensiv entgegentrete und sie mich dazu noch beglückwünschen.

Das mag schon etwas ironisch klingen, sei aber an dieser Stelle gar nicht mal wertend gemeint. Expansionsbestrebungen sind schließlich völlig normale Verhaltensweisen beim Menschen, mithin in der menschlichen Entwicklung überhaupt.

Mein Fazit am Ende des ersten Teils ist zunächst:

Ein invasives (von einer autoritären und universellen Lehre) geleitetes Verhalten steht dem nichtinvasiven Verhalten einer autochthonen Religion gegenüber.

5 Gedanken zu „Alte Sitte und Islam – Teil 1

  1. Eiche

    Sehr schön dargelegt, danke dafür. Ich stimme mit dir in allen Punkten überein und würde mir wünschen, dass die gepredigte Säkularisierung in Mitteleuropa nicht nur Gerede wäre, sondern wirklich Taten folgen würden. Das Christentum ist nach wie vor in zu vielen Institutionen vorhanden, doch anstatt daran etwas zu ändern, wird mittlerweile auch der Islam in Bereiche gehoben, die Religion eigentlich gar nichts angehen sollten.

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  2. ING Beitragsautor

    Ja, völlig richtig, da stimme ich dir zu. Ich hatte überlegt, an einigen Stellen in Klammern darauf hinzuweisen, daß das Verhältnis zwischen Staat und Kirche ja ebenfalls nicht strikt getrennt ist. Anders läßt sich beispielsweise die staatlich eingezogene Kirchensteuer, die an die Lohn- und Einkommensteuer angekoppelt ist, nicht erklären. Und nun versucht der Islam, einen mit Privilegien untersetzten Status zu erlangen. Im Grunde kann man diesen Willen ja keiner Seite verübeln. Die heidnische Seite ist eben nicht geschlossen genug, und auch gar nichts Willens genug, sich vor der Öffentlichkeit so weit aus dem Fenster zu lehnen und konstant gleiche Rechte einzufordern. Von daher könnte die stärkere Seite auch immer sagen: Tja, eben Pech gehabt. Wenn ihr zu schwach und zu zerstritten seid und lieber in eurem Wäldchen am Feuer hockt… Es ist auch immer ein Spiegel, der uns – also der ganzen westlichen Gesellschaft – vorgehalten wird. Die einen fordern, die anderen geben nach… Rein von der Metaebene betrachtet ist da gar nichts Verwerfliches dran. In einer Islamophobie ohne konkrete Argumente könnte man letztlich auch eine Projektion eigener Schwäche sehen. Wie früher in der Jugend: Der Starke, dem man selber nichts entgegenzusetzen hat, das ist einfach der Doofe. In Wirklichkeit muß man sich aber selber stark machen, um auf Augenhöhe zu kommen.

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    1. Eiche

      Grundsätzlich gebe ich dir Recht, wir müssen uns allerdings m.E. auch bewusst sein, dass wir allein deswegen schlechte Karten haben, weil wir Heiden (normalerweise) weder missionieren, noch durch Einwanderung starken Zuwachs bekommen können. Einzig: In einer Gesellschaft, in der ständig Minderheiten auf Throne gehoben werden, dürfte es andererseits kein allzu großes Problem sein, sich durch so ein Minderheitsrecht auch zu Vorteilen zu verhelfen.

      Die deutsche Kirchensteuer dagegen ist ehrlich gesagt etwas, wo ich bis heute nicht verstehe, warum dagegen nicht heftigst aufbegehrt wird – nicht nur von Heiden. Der Gedanke, durch meine Steuern eine religiöse Institution zu unterstützen, der ich weder angehörige noch deren Ziele ich gut finde, wäre mir ordentlich zuwider.
      Hier muss man allerdings auch leider sagen, dass Deutschland ungewohnt „hinten“ in der Beziehung ist. In meiner Heimat ist es schon seit Jahrzehnten so, dass man einen Teil der Steuern nicht zwangsläufig an die Kirche, sondern auch an gemeinnützige Vereine, wie etwa Kinderkrebshilfe, abtreten kann.
      Das sind halt in meinen Augen nicht nur „ásatrúische“ Probleme, sondern eines, dass von Atheisten und Andersgläubigen gleichermaßen vorangetrieben werden müsste.

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  3. Thomas

    Dir gelingt es, dieses Thema sehr nüchtern und sehr fair anzugehen und dabei noch informativ.
    Respekt.
    Ich kann bei dem Thema „Islam“ diese Fairness nicht aufbringen und ich will es auch nicht.
    Daher auch kein weiterer Kommentar dazu.
    Trotzdem, danke für diesen Beitrag und dass du Dich diesem Thema so stellst.
    Sehr gut geschrieben, wirklich.

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