Alte Sitte und Islam – Teil 2

In meinem ersten Beitrag standen zunächst die prägnanten Unterschiede zwischen der polytheistischen Alten Sitte und dem monotheistischen Islam im Vordergrund. Auch in gewisser Weise mit der unterschwelligen Frage verbunden, ob uns aus dem Gegenüber nicht auch die eigene Schwäche entgegenblickt.

Ein Gegenüber ist immer das Andere, mit dem man etwas teilt. Sei es der Sand unter den Fußsohlen, sei es ein Areal oder Verbreitungsgebiet, oder die gemeinsame Feststellung, sich einander im besten Falle positiv bis neutral oder womöglich gar negativ gegenüber zu stehen. Im Fall des Islam auf unserem Boden, der uns Heiden gegenüber steht… milde ausgedrückt: Läßt sich vielleicht irgendwann ein neutraler – oder womöglich wohlwollender Standpunkt – wie beispielsweise gegenüber Buddhisten oder Hinduisten einnehmen?

Und hier komme ich zum zweiten Teil – Alte Sitte und Islam.

Die Ausgangslage läßt sich mit wenigen Worten auf den Punkt bringen: Für die  Alte Sitte ist der Islam historisch wie gegenwärtig eine fremde Gestalt. Das Allochthone, das Gebietsfremde, steht dem Autochthonen, dem Einheimischen, gegenüber. Eine Realität, die dem Wunschbild weltweiter Kultur- und Religionskompatibilität freilich gar nicht entgegenkommt, die daher Versuche einer „Europäisierung“ ins Feld führt, also eines „Einheimischmachens“ oder „Autochthonisierens“ mit dem Ziel, den Islam als die andere Religion Europas darzustellen. Wird vom Medienkartell also wieder mal Goethes angeblich faszinierter Blick auf den Orient oder Schillers Epoche hervorgekramt, um vermeintliche Parallelen zur islamischen Geisteswelt herzustellen, oder irgendwelche anderen Pseudo-Gemeinsamkeiten, soll damit im Grunde ein Anwurzeln an lang Bestehendes erlangt werden. Denn darin liegt die langfristige Schwäche: Wer etwas Fremdes auf Dauer ansässig machen will, muss es ethnisieren. Mit ein paar Konvertiten und entwurzelten Einwanderern ist dies nicht getan. Eher wird man darauf setzen, den Islam zu entorientalisieren. Und in diese Stoßrichtung zielen auch die alle Jahre wiederkehrenden Forderungen (oder lauten Überlegungen), gesetzliche Feiertage für Moslems einzurichten. Wie bereits 2013 von Aiman Mazyek gefordert, dem Vorsitzenden vom  Zentralrat der Muslime in Deutschland, damit wir Einheimischen unsere Toleranz zum Ausdruck brächten, oder zuletzt der halbgare Vorstoß von de Maizière. Als sei der Islam schon immer hier gewesen.

Dabei ist man sicher besser beraten, den Islam aus seinem ursprünglichen Expansionswillen zu begreifen und den absoluten Geltungsanspruch, bis zur völligen Durchdringung aller Lebensbereiche, ernst zu nehmen. Trotz der unzähligen Strömungen und Glaubensrichtungen, in welche die islamische Welt zersplittert ist, eint sie doch die Sehnsucht nach einer islamischen Weltordnung. Für uns Heiden bedeutet dies nicht nur, einen wenig charmanten  Vorstoß in den Wirkungsraum unserer Götter hinzunehmen, sondern in die Dschāhilīya, die „heidnische Unwissenheit“, zu fallen, also hinter das Zeitalter des Islam. Ob wir dabei auf die ebenso vielbeschworene Toleranz hoffen dürften, wenn wir sie eines fernen Tages nötig hätten? Höchstens in der enggefassten Auswahl zwischen Bekehrung und Tod, wobei „am Leben bleiben und konvertieren“ wahrscheinlich schon eine sehr gnädige Option für einen Heiden darstellt. Denn eines muß jedem Heiden auf diesem Planeten klar sein: Wenn der Islam schon nicht die Anbetung eines anderen Gottes duldet, so duldet er erst recht keinen Polytheismus (Schirk).  Ausführlicher unter Heiden im Islam (auf islam-und-toleranz.de).

Jetzt werden manche einwerfen, daß es weder den einen und in sich geeinten Islam gibt, es von daher unredlich sei, ständig verallgemeinernd von „dem Islam“ zu sprechen. Und es natürlich auch liberale Strömungen gibt, die sich immerhin einen „interreligiösen Diskurses in alle Richtungen“ auf die Fahne schreiben und „gegenüber anderen Religionen keinen exklusiven Wahrheitsanspruch“ geltend machen würden. Ja, man höre und staune. Dann wäre vorab noch die Frage zu klären, wer per Definition denn alles als Religion gelten darf. Auch heidnische Traditionen?

Denn grundsätzlich gilt:

Für gläubige Muslime steht unverhandelbar fest, daß Gott das Universum und alles darin Existente geschaffen hat. Nach genau dieser Vorstellung regiert Gott die Welt nach seinem Willen, so wie es der Koran offenbart. Streng formuliert besitzt der Mensch demnach keinen freien Willen, sondern sei ganz das Geschöpf Allahs.

Die theologische Basis läßt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: die Schahâda – das islamische Glaubensbekenntnis, das die erste der fünf Säulen des Islam bildet. Dieses bezeugt den Glauben an den Einen Gott sowie den Glauben an Muhammad als Gesandten Gottes.

So bleibt am Ende des zweiten Teils festzuhalten:

Mit all dem tritt der Islam der Alten Sitte (wie allen heidnischen Traditionen) in ausdrücklicher Rivalität gegenüber.  Unter all diesen Vorzeichen zu einem Dialog aufzurufen, wird aus meiner Sicht schwierig. Man sollte die Realität schon beim Namen nennen und eher von Konfrontation sprechen.

3 Gedanken zu „Alte Sitte und Islam – Teil 2

  1. Eiche

    Ich habe bereits den ersten Teil mit Interesse gelesen und auch dieser Artikel gefällt mir ausgesprochen gut. Du legst differenziert und klar deine Haltung dar (dabei sehr schön, dass du deutlich machst, dass es sich nur um deine Meinung handelt) – und meine Sichtweise trifft es ziemlich auf den Kopf.

    Ohne von einer Opferrolle sprechen zu wollen, möchte ich nämlich noch einen Denkanstoß geben: Haben wir Heiden es überhaupt nötig, Toleranz für den Islam zu fordern? Ich denke, es ist offensichtlich, welche Religion medial, prozentual in der Gesellschaft und in Bildungsinstituten besser vertreten ist. Aus unserer „schwachen“ Position heraus, sehe ich uns nicht in der Verlegenheit, uns für irgendjemanden stark machen zu müssen außer für uns selbst.

    Zusätzlich fraglich finde ich, dass aufgrund von Religionsfreiheit und Toleranz unsere Maßstäbe eines säkularen Staates immer weiter untergraben werden. Gerade uns Heiden mit unserer (normalerweise nicht allzu militanten bzw. einflussheischenden) Einstellung kommt so ein säkularer Staat mehr als entgegen, während wir in Staaten, wo Religionen tief in das soziale, politische Leben eingreifen, noch lange den kürzeren ziehen werden. Noch beängstigender finde ich neben einer Religion, die das tut (Christentum), den Gedanken an zwei große monotheistische Religionen, die alle Minderheiten zwischen sich zerreiben.

    In der Hinsicht ist mein Resümee, dass nicht aus Islamfeindlichkeit, sondern wegen Rücksichtnahme auf Minderheiten – und nicht zuletzt daher unsere eigene Religion (!) – und religiöse Freiheit im Allgemeinen (und nicht einer einzelnen Gruppierung wie in dem Fall den Moslems) eher angestrebt werden sollte, unsere Ideale von Säkularisierung hochzuhalten. Und wenn eine Religion meint, die geltenden Rechte von „Religionsfreiheit“ dahingehend auslegen zu müssen, dass sie andere europäische Werte übergeht, dann sollten wir die Augen offen halten.
    Toleranz ist mittlerweile zu einem Machtwort geworden, bei dem alle sofort einknicken und Zustimmung schreien, anstatt sich die Frage zu stellen, was man hier tolerieren soll, was dahinter steht, welche Auswirkungen es hat und was man dafür untergräbt. Denn Toleranz führt immer zu Intoleranz irgendeiner Art auf der anderen Seite.

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    1. ING Beitragsautor

      Vielen Dank Eiche und ich gebe dir vollkommen recht. Ich greife das mal auf: Man darf wohl jede heidnische Tradition guten Gewissens als Minderheit einordnen. Und doch haben wir, im Vergleich der letzten 1000 Jahre, wohl auch die größte Freiheit, unsere heidnische Praxis mehr oder weniger offen auszuleben. Unter anderem im Schutze des Grundgesetzes. Nun kommt allerdings ein verhältnismäßig neuer Aspekt hinzu, den du ja auch schon als erodierenden Faktor ansprichst:

      „Und wenn eine Religion meint, die geltenden Rechte von „Religionsfreiheit“ dahingehend auslegen zu müssen, dass sie andere europäische Werte übergeht, dann sollten wir die Augen offen halten.“

      Man könnte jetzt Erdogans Zitat von 1998 wieder hervorkramen:

      „Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen.“

      Scheint ja aktueller denn je. Nur wozu das führt, das muss man sich doch in Wahrheit mal klar machen. Denn mal frei ohne jede Präferenz gesprochen, lässt sich doch sehenden Auges beobachten, dass sich ja gerade NICHT eine multikulturelle Gesellschaft, wie sie uns verordnet wird, entwickelt, sondern sich alles auf eine multitribale Gesellschaft zuspitzt. Die Wikipedia ist so nett und bringt das bereits in den ersten Sätzen schön zum Ausdruck (Tribalismus). Cohn-Bendit hat vor 25 Jahren schon darauf hingewiesen, dass so eine Gesellschaft „die Tendenz hat, in eine Vielfalt von Gruppen und Gemeinschaften auseinanderzustreben und ihren Zusammenhalt sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einzubüßen.“

      Und genau so entwickelt es sich doch gegenwärtig. Historiker Sieferle schrieb, dass es in einer Tribalgesellschaft nicht mehr auf die Gleichheit der Stimmen ankommt, sondern darum, starke und handlungsfähige Verbündete zu gewinnen. Im Grunde ähnlich einer Interessen- und Bündnispolitik, jedoch mit religiös-ethnischer Note. Nichts anderes spielt sich im realen Leben draußen auf unseren Straßen ab. Und angenommen, da kommt so ein „Vertreter einer Minderheit“ wie du oder ich dahergeschlendert und fordert Rücksichtnahme ein, dann stehen die Chancen wohl gut, wie du schreibst, direkt zerrieben zu werden.
      A) Weil man vielleicht als Heide erkannt wurde
      und B) nicht zur prozentual besser vertretenen Gruppe gehört.

      Das ist die Entwicklung, wie sie sich aus meiner Sicht für uns Heiden darstellt.

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  2. Eiche

    Das sehe ich ähnlich.

    Ich weiß nicht, wie riskant sich der Islam tatsächlich für uns darstellt hinsichtlich dessen, dass wir Heiden sind und damit in seinen Augen noch schlimmer, als die lediglich „falsch abgezweigten“ Christen. Ich vermute einfach mal, dass es bei uns nicht in Bälde Zustände geben wird, wie es sie im Nahen Osten gibt.
    Nichtsdestotrotz sehe ich im Islam definitiv keine Religion, die sich für uns stark machen wird. Und wie gesagt, da bereits im medialen Dialog einzig von Christen, Moslems und Atheisten gesprochen wird und niemals die in ihrer Gesamtheit dann doch nicht zu verachtende Zahl von „Andersgläubigen“ (seien es Heiden, Buddhisten, Hinduisten oder Angehöriger sonstiger religiöser Strömungen) wahrgenommen wird, sehe ich uns in einer Religionsdebatte, die zu viel Platz in der Gesellschaft einnimmt, definitiv im Nachteil.
    Es sei denn, wir würden als Heiden eine wahrzunehmende Gruppierung bilden, aber momentan sind die einzelnen Heidengruppen ja derart zersplittert, dass ich es nicht für realistisch halte. Und unter den derzeitigen internen Umständen auch nicht für wünschenswert – aber das ist ein anderes Thema.

    Auf jeden Fall stimme ich dir in ganzer Linie zu, dass von Multikulti eher in Ausnahmefällen die Rede sein kann. Ich heiße beides nicht gut, weder Multikulti noch Multitribalgesellschaften; aber leider sind diese Probleme ja politische Schwergewichte, zu denen irgendwie keiner eine Lösung gefunden hat.

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