Der Alten Sitte beitreten?

Hin und wieder werde ich über Asentr.eu/Altesitte.info nach einem Beitrittsformular gefragt bzw. wie oder ob man der Alten Sitte beitreten könne. Ich antworte in diesen Fällen meistens, daß es sich hier lediglich um eine privat geführte Webseite handelt, der weder eine Gruppe, noch ein Verein oder noch irgendeine anders gelagerte Organisationsform angeschlossen ist. Alleiniges Ziel: Die Bereitstellung von Informationen. Gern beantworte ich auch konstruktive Fragen… aber beitreten, das kann man hier nirgends.

Speziell in diesen Momenten bin ich mir dann manchmal nicht so sicher, was wirklich gemeint war. Einen Beitritt verbinde ich immer mit der Mitgliedschaft in einem Verein und heidnische Vereine gibt es ja in Hülle und Fülle. Sie sind über die Internetsuche leicht auffindbar, man kann sich informieren, über verschiedenste Wege Kontakt aufnehmen, man kann beitreten oder auch nur fördern, die meisten haben eine Vereinszeitschrift oder bieten Rundschreiben, die man  abonnieren kann… es war also noch nie so leicht wie heute, irgendwo mitzumachen. Und die unzähligen Stammtische und informellen Gruppen sind noch gar nicht mitgezählt. Alles zusammen bietet eine beinahe unüberschaubare Bandbreite an unterschiedlichsten Standpunkten, da dürfte nahezu für jeden etwas dabei sein. Und auch wenn ich dieser Szene, wie ich meistens wertfrei schreibe, inzwischen halbwegs distanziert gegenüber stehe, gebe ich gerne Tipps oder nützliche Hinweise, unabhängig und neutral.

Doch genau an diesem Punkt habe ich dann häufig das Gefühl, daß es bei derlei Anfragen vielleicht gar nicht allein um Vereinszugehörigkeiten geht, sondern möglicherweise um die Frage, was man zu tun hat, um der Alten Sitte anzugehören oder schlicht und einfach sagen zu können: Ja, ab sofort ist meine Religionszugehörigkeit die Alte Sitte!

Generell sind mir in heidnischen Vereinen nur wenig formelle Ritualhandlungen (wie z.B. das Ablegen eines Eides auf die Götter) bekannt, die sich als Muster für eine Art Zugehörigkeitsritual zur Alten Sitte eignen würden. Von daher sollte man sich auf etwas konzentrieren, das explizit den individuellen Eintritt markiert, ohne weitere Abhängigkeiten (Mitgliedschaften etc.).

Auf Asentr.eu ist eingangs zu lesen: Gehe…den Alten Pfad. Das ist nicht missionarisch gemeint. Wer den Ruf der alten Götter hört, folgt ihnen oder lässt es bleiben. Eine Entscheidung, die jedem frei steht. Der Wille, den alten Göttern Treue zu erweisen, muß  von innen heraus kommen, kann also nur intrinsisch geleitet sein. Auch wenn es für mich das Selbstverständlichste auf der Welt ist, ja gerade jenen Vorstellungen zu folgen, die hierzulande erdentsprossen und von natürlichem Wachstum geprägt sind, liegt der Funke des Erkennens doch in jedem selbst und kann nicht von außen eingepflanzt werden.

Nun kann man berechtigterweise die Frage anschließen: Wenn ich doch nun den Alten Pfad gehen will, wie mache ich das denn? Ich sehe eigentlich nur drei Möglichkeiten. Alle setzen voraus, daß man selbst handelt.

In der Alten Sitte gibt es keinen Mittler, der mir sagt, was ich zu tun habe. Es kann Goden/Gyðja geben, oder häufig allgemein Ritualleiter bzw. Ritualleiterin genannt, also Personen, die das Ritual anleiten, die aber auf keinen Fall eine alleinige Schnittstelle zu den Göttern bilden (sollten). Der freie Zugang zu den Überlieferungen, Traditionen und Interpretationen ist grundlegend, verlangt aber von mir, selbst aktiv zu werden und die Initiative zu ergreifen. Dies läßt sich natürlich in einer Gruppe bewerkstelligen,  aber im ersten Schritt steht jeder erst mal allein. Es heißt ja auch: Der erste Schritt ist die Hälfte vom Ganzen. Sobald ich spüre, den alten Göttern meine Treue bekunden zu wollen, habe ich jedes Recht – ja vielleicht auch die Pflicht – rituellen Kontakt zu ihnen aufzubauen. Sie werden einen nicht grundlos rufen. Warum also zögern, genau diesen ersten Schritt zu gehen? Ist es die Ungewissheit an der Schwelle, an der eventuell ein begleitendes Wort, eine begleitende Handlung fehlt? Gerade Schwellensituationen geben seit jeher Anlass zu Übergangsritualen.

Wenn man überlegt wie es früher gewesen sein könnte, wird man höchstwahrscheinlich zu dem Schluß kommen, daß unsere Vorfahren gar nicht vor dieser Problematik standen. Sie übernahmen die Sitten und Gebräuche der direkten Vorfahren. Die Frage nach einem „Glaubensbekenntnis“ kam somit gar nicht auf. Was es jedoch sicher gab, waren Übergangsriten (rites de passage) an verschiedenen Lebensstadien wie Geburt und Aufnahme in die Sippe, Mündigkeit und Eintritt ins Jugend- und Erwachsenenalter, Wehrfähigkeit und Selbstbestimmung, Hochzeit und so weiter. An dieses Konzept können wir natürlich auch den Eintritt ins Heidentum (germanisches, keltisches, slawisches, römisches etc.) anlehnen. Religionszugehörigkeit stiftet Identität.

Treue verlangt Beständigkeit und Beständigkeit findet Ausdruck in Kontinuität, sowie in sichtbarer Symbolik. Ein erster Schritt könnte also sein, sich in seiner Wohnung, im Garten oder in näherer Umgebung eine heilige Stätte einzurichten. Manchmal geben auch alte Flurnamen erste Hinweise auf frühere Kultstätten. Entweder lässt sich aus Holz und Stein ein einfacher Hörgr errichten oder in der Wohnung wäre an einen schlicht dekorierten Holztisch zu denken, wenn möglich an einem ruhigen Ort.

Sobald dieser Ort fertiggestellt ist, sollte er eingeweiht werden (was keine Unveränderlichkeit heißt, verfeinern und weiter ausbauen sind erlaubt, vielleicht sogar erwünscht). Mit dieser Einweihung ließe sich zum Beispiel ein eigenes Treuebekenntnis verbinden. Diesen Punkt könnte man als Beginn definieren, von nun an der Alten Sitte anzugehören.

Eine weitere Möglichkeit der Alten Sitte „beizutreten“ wäre, sich an einen Asatru-Verein (oder eine Gruppe) zu wenden und um eine Art Dazugehörigkeitsritual zur Alten Sitte zu bitten, vor dem Hintergrund, daß man im Rahmen eines solchen Rituals „hinübergeleitet“ wird in die Zugehörigkeit zur Alten Sitte. Verein oder Gruppe stellen also eine ritualleitende Person zur Verfügung, die den rituellen Rahmen entweder vorgibt oder mit einem zusammen erarbeitet.

Zusammengefasst könnte man das so umschreiben:

1) Der stille Prozeß: Ich fange selber an, den Göttern Opfergaben hinzustellen, wachse langsam rein, festige meine Überzeugung. Daß ich anfange zu opfern (blóten), heißt zugleich, daß ich an einem Punkt angelangt bin, an dem ich die waltenden Mächte als real existent ansehe. Das war anfangs vielleicht noch nicht so, verdeutlicht also den zeitlichen Verlauf eines „geräuschlosen“ Hinübergleitens zur Alten Sitte. Sozusagen ein sanfter Prozeß ohne eindeutig sichtbare Zeichen, ohne dezidierten Zeitpunkt, der das Davor und Danach klar erkennbar voneinander trennt. Irgendwann habe ich das Gefühl „angekommen“ zu sein. Ein stiller, schleichender Prozeß.

2) Das geführte Übergangsritual: Idealerweise steht eine erfahrende Person zur Seite, die mit einem zusammen ein Ritual ausarbeitet. Dies wäre sozusagen mein erstes Blót. Dieses Vorgehen bietet den ständigen Abgleich zwischen mir und dem Menschen, der im neuen Gefüge bereits fest verwurzelt ist. Ein fester Standpunkt auf neuem Gelände. Sie/er geleitet mich an einem festgelegten Zeitpunkt auf genau jenes Gelände, das nun zu meinem eigenen wird.

3) Ein eigenes Übergangsritual durchführen: Die individuelle und selbstaktive Variante heißt nicht, das Rad völlig neu erfinden zu müssen. Auch hier wird eine theoretische Phase (notwendigerweise) um den praktischen Anteil vervollständigt. Das bedeutet konkret, daß mein Wunsch nach Anbindung zu den waltenden Mächten nicht mehr allein durch Literatur gestillt werden kann, sondern jetzt der Tag kommen muß, an dem ich mir (und ggf. anderen gegenüber) offen eingestehe: Durch mein Blót folge ich den Göttern, wodurch ich sie zu stärken beabsichtige, auf daß mir Gutes durch sie widerfahren möge!
Grundtenor ist immer, daß man Ásatrú nicht allein durch das wird, was man glaubt, sondern durch das, was man tut.

Noch zwei Hinweise, die ich im Text nicht unterbringen konnte:

  1. Die Dänische Gemeinschaft Forn Siðr verfügt über ein eigenes Glaubensbekenntnis (Trosbekendelse). Wenn man im Internet nach  „Glaubensbekenntnis asatru“ sucht, gelangt man auf verschiedene Einträge in öffentlichen Foren, die teilweise Übersetzungen bieten. Wenn man will, könnte man dies als Grundgerüst für ein eigenes Treuebekenntnis heranziehen.
  2. In dem Buch Ásatrú – Die Rückkehr der Götter befindet sich auf Seite 140 ein Glaubensbekenntnis, das mir persönlich gut gefällt und folgendermaßen beginnt:

Hér stend ek
Hier stehe ich – notfalls auch allein – für die Dinge, an die ich glaube:
1. Ich glaube, daß die Asen und Wanen lebendige Gottheiten sind, die sich vor dem Beginn der Zeit aus Ginnungagap erhoben und seitdem über die neun Welten geherrscht haben und das bis Ragnarök auch weiterhin tun werden – egal ob die Menschen an sie glauben oder nicht.
(…)

NACHTRAG | zusammenfassender Gedanke

Ásatrú werden – aber wie?

Generell läßt sich sagen, daß es keine formelle Ritualhandlung gibt, durch die man Ásatrú wird.
Ásatrú wird man nicht durch das, was man glaubt, sondern durch das, was man tut.
Man bekennt sich zu den Göttern; dies ist eine innere Einstellung. Und diese Einsicht kann man in Form eines Bekenntnisses bekräftigen (für sich selbst) oder man kann dieser Einsicht offen Ausdruck verleihen z.B. in einer Gemeinschaft.

 

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